Wien. Sie ist promovierte Juristin, trägt einen Mastertitel in Business Law und hat auch einen Executive MBA auf der Habenseite. Sie hat bereits in unterschiedlichsten Branchen Fuß fassen können, ist seit mittlerweile fünf Jahren auf Geschäftsleitungsebene tätig und – sie ist noch keine 40. Valerie Höllingers Lebenslauf liest sich wie der Traum des Personalchefs. Sie selbst gibt sich im Gespräch aber bescheiden und relativiert: „Wie das Leben so spielt, kamen einfach die passenden Angebote zur richtigen Zeit.“ Den Grundstein für die rasante Entwicklung habe jedenfalls das Studium der Rechtswissenschaften gelegt – sei sie doch dabei geschult worden, „strukturiert und in Analogien zu denken“, wie die heutige kaufmännische Geschäftsführerin des bfi Wien erklärt. „Ab 2002 habe ich dann im Executive MBA studiert, wodurch Bildung und Wissen eine völlig neue Bedeutung für mich bekommen haben: Das ist erstmals ‚Arbeit‘ gewesen. Bis dahin hatte ich mir immer extrem leicht getan, aber plötzlich habe ich mich in der Studierendengruppe mit Top-Managern messen – mich so richtig reinknien müssen. Diese Zeit hat mich außerordentlich gefordert, aber auch meine persönliche Entwicklung enorm gefördert.“
Kopfwissen im Hintergrund
Eine Entwicklung, die sie mit einer einjährigen Auszeit und der Weiterbildung auf dem Feld der Kinesiologie fortsetzte: „Dabei habe ich das ‚Kopfwissen‘ bewusst in den Hintergrund verwiesen, um das ‚Bauchwissen‘ zu fördern. Das hilft mir heute sehr, weil man Menschen dadurch ganz unterschiedlich kennenlernen und erfassen kann. Ich habe gelernt, Menschen zu ‚spüren‘ – was gerade in der Personalauswahl und für das tägliche Führen enorm wertvoll ist“, räumt Höllinger generell mit konventionellen Führungsmethoden auf. „Ich bin der Ansicht, dass der rein autoritäre, aber auch der unentwegt konsensorientierte Führungsstil zunehmend versagen. ‚Neues Führen‘ verlangt nach einem stark kooperativen Führungsstil, ohne jedoch alle bisher geltenden Regeln über Bord zu werfen.“ Heutzutage gelte es ihrer Meinung nach, Talente zu finden, Vorbild zu sein, eine Vermittlerrolle einzunehmen und selbstorganisierende Teams zuzulassen und zu fördern. Und bei all dem müsse man dennoch Durchsetzungskraft zeigen: „Als Vorbild möchte ich meine erste Chefin hernehmen: Die hat sich einfach alles zugetraut, egal wie groß das Vorhaben war. Da habe ich gesehen: Mit dem richtigen Team – und natürlich mit viel Energie – kann man viel bewegen.“ Auch in ihrer aktuellen Rolle beim bfi Wien will sie einiges bewegen, und das Bildungsinstitut in diversen Bereichen umstrukturieren: „Das funktioniert selbstverständlich nicht von heute auf morgen und darüber muss man sich als Führungskraft bewusst sein, um weder selbst auszubrennen, noch die Leute, für die man Verantwortung trägt, in eine persönliche Krise zu führen.“
Als Kind waren Themen wie Krisen oder Ausbrennen nicht auf Höllingers Agenda – da drehte sich vielmehr alles um Erdbeereis: „Ich wollte immer Eisverkäuferin werden. Damit schien für mich eine gewisse Freiheit verbunden, weil man zur schönsten Jahreszeit und oft unter freiem Himmel arbeiten und selbst so viel Eis essen kann, wie man nur will – eine Möglichkeit, um den Restriktionen des Elternhauses in dieser Hinsicht zu entgehen“, erinnert sie sich amüsiert an ihre Kindheitsträume zurück, die sie „im Sinne des regelmäßig vorgeschriebenen Mietzinses“ einer Ganzjahresbeschäftigung opferte. Diese „Ganzjahresbeschäftigung“ sollte sie in die IT-Branche, die Getränkeindustrie, die Telekommunikation und zuletzt in die Bildung verschlagen. Wo sie sich am ehesten zu Hause fühle? „All diese Branchen haben etwas für sich. IT und Telekom sind schnelllebige und extrem innovative Sparten. Aber jetzt, im Bereich Bildung, kann ich mich mit dem Lebenslangen Lernen beschäftigen – die dabei mitspielende Langzeit-Planung ist superspannend.“
Und womit würde sie gern ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn sie nicht beim bfi wäre? „Eine eigene Agentur, die den Spagat aus strategischem Marketing und innovativem Consulting schafft, wäre eine interessante Herausforderung.“ Und bei ihrem bisherigen Karriereverlauf erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass Valerie Höllinger auch diesen Spagat in Angriff nimmt. (jawe)
10 Fragen an Valerie Höllinger
Als Kind wollte ich immer … Eisverkäuferin werden.
Mein Lebensmotto ist … sich mit Mut und Idealismus Herausforderungen stellen.
Mein letztes Geld würde ich ausgeben für … derzeit sicher für Wintermandeln.
Darüber kann ich lachen … über guten Wortwitz und zum Glück auch über mich selbst.
Das letzte Buch, das ich gelesen habe, war … „Engel des Vergessens“ von der Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap.
In 20 Jahren werde ich … bald einen „Runden“ feiern.
Davor habe ich Angst … dass die Bildungslandschaft sich negativ entwickelt, die Bildungsstandards weiter sinken.
Das ist meine größte Stärke… (Selbst-)
Reflexion, gepaart mit Aktionsfähigkeit.
Das ist meine größte Schwäche … ich sage jetzt nicht Erdbeereis, sondern bekenne mich zur Ungeduld. Ich habe auch sicher noch keine so dicke Haut, wie es in meiner Funktion hilfreich wäre – zugleich darf das aber auch als Stärke gelten, da man so doch noch näher bei den Mitarbeitern bleibt und eher mitbekommt, was im Unternehmen läuft!
Mit dieser Person würde ich gerne für 24 Stunden die Rollen tauschen … jeweils zwölf Stunden mit Nicolas Sarkozy sowie Angela Merkel: Die zwei haben derzeit das Ruder in der Hand.
„Mit Humor ist alles zu schaffen“
Thursday, 15. December. 2011 | career & network
Warum sich Erdbeereis wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht, Bauchwissen genauso wichtig wie Kopfwissen ist und warum konventionelle Führungsmethoden zum Scheitern verurteilt sind, verrät die kaufmännische Geschäftsführerin des bfi Wien, Valerie Höllinger, im Gespräch.
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