Bringt LTE Bewegung in die mobile Preisspirale?

Friday, 24. September. 2010 | news

Die Mobilfunkbranche ist startklar für den nächsten Evolutionsschritt: die vierte Generation (4G). RTR-Boss Georg Serentschy (Bild) und Mobilfunkexperte Georg Lankmayr über Superbreitband, Netzneutralität, Datenstau und allfällige Kostenaspekte

© Daniela Klemencic / RTR

Georg Serentschy, Geschäftsführer der Regulierungsbehörde RTR


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Wien. Seit Montag sind die österreichischen Mobilfunker startklar für den nächsten „historischen“ Evolutionsschritt: die vierte Generation („4G“). Die Nachfolgegeneration des 3G-Standards soll per „Superbreitband“ LTE (s. Fact Box) eine rasche und kostengünstige Erweiterung der bestehenden 3G-Netze darstellen und ermöglicht mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde eine wesentlich höhere Geschwindigkeit. Am Montag ging die Frequenz-Auktion zu Ende, bei der A1 Telekom Austria, T-Mobile, „3“ und Orange Frequenzen für mobile Breitbanddienste im Wert von 39, 5 Mio. € ersteigerten (medianet berichtete).  So weit, so gut. Allerdings rührt man mit der Einführung von LTE jetzt an sensible Themen: Mit der Einführung von LTE sind höhere Übertragungsgeschwindigkeiten möglich, die zwangsweise zu einem erhöhten Datenverbrauch in einem ohnehin schon überlasteten System führen. Die Vermutung: Einige  Mobilfunker werden die Einführung von LTE zum Anlass nehmen, ihre Tarife umzustellen.

Nachziehen mit dem Festnetz

T-Mobile Austria beispielsweise will ab sofort die ersten Datensticks mit LTE-Technologie anbieten. Im Zuge dessen überlegt T-Mobile-Chef Robert Chvatal, künftig unterschiedliche Quality of Services einzuführen, also Preise, die sich an der verfügbaren Übertragungsgeschwindigkeit orientieren. Die Fragen, die sich dabei stellen, sind: Rühren sogenannte Premiumdienste im Mobilfunk am Prinzip der Netzneutralität (s. Fact Box)? Und, noch wichtiger für die heimischen Vieltelefonierer: Ist bald Schluss mit dem Flat-Rate-Paradies Österreich? Netzneutralität ist eine Bezeichnung für die neutrale, gleichberechtigte Datenübermittlung im Internet. Ob „unverändert“ und „gleichberechtigt“ allerdings auch eine selektive Bandbreitenzuteilung umfasst, mit der den Kunden der Netzzugang gewährt wird (kurz: wenn die Nutzer je nach Qualität und Schnelligkeit des Netzes mehr oder weniger bezahlen), darüber scheiden sich die Geister.

„Nein“, sagt Georg Serentschy, Geschäftsführer der Regulierungsbehörde RTR, auf Anfrage von medianet, „das tut es nicht. Was hier seitens einiger MNOs (Mobile Network Operator ; Anm.) zur Diskussion steht, ist nichts anderes als ein Nachziehen mit dem Festnetz. Dort ist es üblich, dass man für unterschiedliche Bandbreiten auch unterschiedliche Tarife zahlt.“ Kritisch sei aber die Frage der Definition von Qualitäten in einem Medium mit geteilten Ressourcen hinsichtlich der Funkschnittstelle – und „natürlich auch das Festlegen von Prioritätsregeln sowie das Einhalten der gegebenen vertraglichen Versprechen“. Die RTR werde sich „diese Dinge zukünftig sicherlich genauer ansehen“.

Bald User „zweiter Klasse“?

„Die Frage nach der Netzneutralität stellt sich nicht“, wischt auch Mobilfunk-Experte Georg Lankmayr, Geschäftsführer von INSET Advisory & Consulting Services, allfällige Bedenken beiseite. Dies sei zweitrangig, denn: Es gehe um „die Zukunft der Branche, die ansonsten nur durch Konsolidierung wachsen kann“. Im Moment gibt es im Mobilfunk – im Gegensatz zu den Festnetz-Breitbandanschlüssen – keine Differenzierung der Datentarife nach Geschwindigkeit oder  Technologie. Dass „Power-Sauger“ allerdings je nach Tarif ab einem bestimmten Volumen gebremst werden – auch im Falle von Flat-Rates –, hat jedoch Tradition. Weitere Einschränkungen – insbesondere bei den Datentarifen für Smartphones – stellen Diensteinschränkungen wie beispielsweise bei VoIP-Services wie Skype dar.

Wird LTE – abseits einer Grundsatzdiskussion um den diskriminierungsfreien Zugang ins Netz – dennoch als Vorwand dafür benutzt werden, „Strafzahlungen“ für die schnellere Übertragung einer Datei einzuheben, Kosten, die private Surfer ebenso treffen würden wie kleine Firmen und Freiberufler? „Ich sehe es als große und eigentlich einzige Chance für heimische Mobilfunker, aus der Tarifspirale rauszukommen, indem sie eine Zwei-Klassen-Usergesellschaft etabliert“, prognostiziert Lankmayr. Denn: Die steigende Belastung der Netze durch die „App-Society“ führe dazu, dass „die Netzqualität immer schlechter wird, aber die Provider aufgrund der Flat-Tarife und fehlenden Geschäftsmodelle nichts am App-Kuchen verdienen“.

„Grundsätzlich ist es in der wirtschaftlichen Realität des Internets in Österreich so“, erklärt Serentschy, „dass Engpässe, die auf Netzseite ent- oder bestehen und die zu unterschiedlichen Kosten führen wie etwa die Inanspruchnahme zum Peak-load des Netzes, nicht oder nur sehr unzureichend in den Endkundenpreisen abgebildet werden.“ Endkundenpreise hätten daher „vielfach keine Steuerungsfunktion“ und verlören damit eine wesentliche Allokationsaufgabe. Setzt, wer den Kostenaspekt unter dem Stichwort Netzneutralität wegdefinieren möchte, den Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes aufs Spiel? „Das ist eine komplexe Diskussion“, so Serentschy. „Diese Dinge sind grundsätzlich nicht miteinander verbunden und es ist wichtig, sich dies vor Augen zu halten: Zum einen sind die Themen Netzneutralität und Investitionen in NGA (Next Generation Access)/NGN (Next Generation Network) – mobil oder fest – auseinanderzu- halten. Der europäische Rechtsrahmen gibt den Regulierungsbehörden auch entsprechende Regulative an die Hand, um Investitionsanreize unabhängig von der Diskussion um die Netzneutralität zu setzen.“ – „Zum anderen ist es so, dass Netzbetreiber angesichts ihrer hohen Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur – und angesichts des Konkurrenzdrucks für ihre eigenen Dienste – von Innovationen aus der Netzperipherie wie zum Beispiel Skype oder Google zusätzliche Einnahmequellen erschließen wollen.“

Googles Vorfahrt-Regel

Diese Diskussion lasse sich auch nicht unabhängig von anderen Entwicklungen, wie eben der zunehmenden Bedeutung von Diensteanbietern wie Google oder den Entwicklungen rund um Apple und dessen Exklusivitätsverträgen mit einzelnen Betreibern führen. Google hatte zuletzt in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Telekomkonzern Verizon mit der Forderung aufhorchen lassen, dass, wer mehr zahlt, im mobilen Netz bevorzugt werden soll. Serentschy: „Es gibt hierbei eine Reihe von Unwägbarkeiten und Risiken, wobei es aus Sicht der Regulierungsbehörde vor allem darauf ankommen wird, den Endkunden in die Lage zu versetzen, auf marktliche Entwicklungen auch adäquat zu reagieren und auch Innovatoren an der Grenze des Netzes entsprechend zu berücksichtigen, da von ihnen aus nicht nur die Wettbewerbsdynamik im Bereich der elektronischen Kommunikation beeinflusst wird, sondern erhebliche Impulse auf die Gesamtwirtschaft ausgehen.“ Der Tarifdschungel jedenfalls dürfte in Zukunft dichter werden. Wunder ist es keines, dass die Branche sich Sorgen macht: In den Mobilfunknetzen verdoppelt sich das Datenvolumen – nicht zuletzt dank des iPhone-Hypes – derzeit alle acht Monate. Im gesamten Internet steigt das Datenvolumen bis 2014 auf 767 Exabyte (= 767 Trillionen Bytes) im Jahr, schätzt der Netzwerkausrüster Cisco. Das wären viermal mehr Daten als heute.

EU-Richtlinie: Bitte warten!

Zum Thema Netzneutralität hat die Europäische Kommission kürzlich im Rahmen der Telekommunikationsrichtlinie Regeln vorgegeben, die die Mitgliedsstaaten nun in nationale Gesetze gießen müssen. Dabei hat der Gesetzgeber jedoch einigen Spielraum. „Wir führen laufend Gespräche mit Betreibern zu diesem Thema“, so Serentschy. „Die Kommission hat gegenwärtig und noch bis Ende des Monats eine Konsultation zur Netzneutralität laufen, in die wir eine Stellungnahme einbringen werden.“ Die RTR-GmbH arbeite auch in einer Arbeitsgruppe des EU-Telekom-Regulators BEREC zu diesen Themen mit und gegen Jahresende werde eine Stellungnahme zur weiteren Vorgangsweise auf EU-Ebene zu erwarten sein. Serentschy: „Österreichische Alleingänge sind wenig sinnvoll, aber wir werden in den nächsten Wochen mit Betreibern und Interessenverbänden weitere Gespräche führen und haben auch intern ein diesbezügliches mittefristiges Programm aufgesetzt.“ (sb)


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