Wien. In einer Woche werden die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter der Druckbranche wieder zusammentreffen, um über Löhne und Gehälter zu verhandeln. Was in den Sitzungspausen höchstwahrscheinlich das Thema Nummer eins sein wird, ist nicht schwer zu erraten: der vom Verband Druck und Medientechnik im Herbst 2011 gekündigte Kollektivvertrag für das grafische Gewerbe, der nur mehr bis Ende März gültig ist. Er sei nicht mehr zeitgemäß und erlaube den Druckereien nicht, mit den Preisen in Deutschland und anderen Nachbarländern mitzuhalten, so die Begründung des Verbands.
Die letzten Kollektivvertrags-Verhandlungen im Jänner brachten keine Annäherung. Der Arbeitgeberverband forderte u.a. eine 40-Stunden-Woche statt der jetzigen 37 Stunden – ein Einschnitt, dem die Gewerkschaft nicht zustimmen konnte. „Drei Stunden unbezahlt arbeiten, ergibt auf das Jahr gerechnet einen Verlust von 141 Stunden oder 3,8 Tagen“, rechnet Franz Bittner vor, der für die GPA-djp die Verhandlungen leitet. Das bedeute bei einem Bogendrucker einen jährlichen Einkommensverlust von rund 2.500 € bzw. 6,5 Prozent. Die Drucker verweisen auf die dramatische Situation der Branche, die zwischen 2005 und 2011 um 130 Betriebe weniger verzeichnen kann und derzeit bei rund 630 Betrieben steht. Die Anzahl der Beschäftigten wurde seit 2001 von 19.000 auf etwas über 10.000 dezimiert. Der Druckerverband verweist auch auf die inländische Konkurrenz der Digitaldruckereien, die nicht an den KV des grafischen Gewerbes gebunden sind.
Überkapazitäten
Mit der geforderten 40-Stunden-Woche und einem flexibleren Arbeitszeitmodell sollen die heimischen Druckereien zumindest mit Deutschland konkurrenzfähig werden, wenn es nach den Arbeitgebervertretern geht. Gewerkschafter Bittner schlägt hingegen die „Herausnahme von Überkapazitäten“ und „sinnvolle Fusionierungen“ vor, um den Verlust von weiteren Arbeitsplätzen zu verhindern. Verbandspräsident Rudolf A. Cuturi sieht hier nicht seine Aufgabe: „Fusionierungen sind ausschließlich Sache der Unternehmen, die sie selbst verfolgen können, sofern sie sich davon sinnvolle Zukunftsperspektiven erwarten. Außerdem handelt es sich bei aktuellen Situation der Druckbranche um ein strukturelles Problem, das nicht nur Österreich betrifft.“ In ganz Europa werde sich die Branche noch gewaltig verändern, erwartet Cuturi.
Mit akuten Veränderungen ganz anderer Natur hat es sein Verband seit Kurzem zu tun, denn die Zeitungsdruckereien haben sich aus der Standesvertretung verabschiedet, um sich aus der Schusslinie der Gewerkschaft zu nehmen. Zwar wurde der KV der Zeitungsdrucker nicht gekündigt und gilt noch bis Ende 2013, aber das hielt die Beschäftigten in einigen Betrieben nicht davon ab, im Jänner solidarisch mit den Bogendruckern Betriebsversammlungen abzuhalten.
„Ein wichtiger Baustein“
Die Geschäftsführer der Betriebe, die direkt betroffen sind und von medianet dazu befragt wurden, wollten die Verhandlungen überwiegend nicht kommentieren. Einstimmigkeit herrschte aber bei der Einschätzung der schwierigen Branchensituation. Dass diese vor allem mit dem Kollektivvertrag zu tun habe, wollten hingegen nicht alle so sehen. Und auch Verbandspräsident Cuturi räumt ein: „Natürlich reicht es nicht, nur den Kollektivvertrag zu reformieren, um wieder wettbewerbsfähig zu sein. Aber er ist ein wichtiger Baustein, um den Druckstandort Österreich zu sichern.“ Gottfried Hirsch von der Wiener Druckerei Jentzsch sieht hingegen in den Lohnnebenkosten das Hauptproblem: „Wir benötigen eine Arbeitskostenentlastung für die Betriebe und die Mitarbeiter von jeweils mindestens zehn Prozent, damit die erforderliche Motivation in unserer schwierigen Branche bestehen kann. Das Auseinanderdividieren von Arbeitgebervertretern und Arbeitnehmervertretern wird nicht zielführend sein.“
Noch etwas mehr als ein Monat haben beide Seiten Zeit, um sich zu einigen. Für die Lohnverhandlungen am 27. und 28. Februar kündigt sich aber weiteres Konfliktpotenzial an: Bereits im Herbst ließ die Gewerkschaft mit einer Forderung von +5,4% aufhorchen. Wenn es keinen neuen Kollektivvertrag gibt, ändert sich für die bestehenden Dienstverhältnisse vorläufig nichts. „Und auch bei neuen Dienstverhältnissen müssen sich die Vertragspartner natürlich an das Arbeitsrecht halten“, erklärt Rudolf A. Cuturi. Er sieht nun die Gewerkschaft am Zug: „Nicht der Verband hat bei der letzten Verhandlung diese als gescheitert erklärt bzw. abgebrochen, sondern die Gewerkschaft. Wir sind nach wie vor gesprächsbereit.“ (tm)
Österreichs Druckereien bangen um ihre Zukunft
Monday, 20. February. 2012 | special marketing&medien
Drucker-Kollektivvertrag: Im Jänner sind die Verhandlungen vorerst gescheitert, rund einen Monat gilt der KV noch. Zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband spießt es sich bei der 40-Stunden-Woche.

Clash of opinions: Rudolf A. Cuturi, Präsident des Verbands Druck und Medientechnik, Franz Bittner, Verhandlungsleiter GPA-djp und Gottfried Hirsch, Chef der Druckerei Jentzsch, sind unterschiedlicher Meinung.
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